Naturentwicklung mit großen Pflanzenfressern

Naturentwicklung mit großen Pflanzenfressern

Theorie und Praxis

Ausgangsthesen
Die Einwirkung großer Pflanzenfresser auf Vegetation und Landschaft ist ein natürlicher Prozess, an den viele Arten angepasst sind.
In der Naturlandschaft Mitteleuropas kamen zahlreiche große Herbivorenarten mit unterschiedlichen Ernährungsstrategien vor.
Die Naturlandschaft Mitteleuropas war kein insgesamt geschlossener Dauerwald, sondern enthielt - auch in Folge der Einwirkung großer Pflanzenfresser - offene und halboffene Bereiche unbekannter Ausdehnung.
Anthropogene Eingriffe führten zum Verschwinden von einigen großen Pflanzenfresserarten und reduzierten die Dichte von anderen.
Die Integration großer Pflanzenfresser in Naturentwicklungsgebiete führt zu mehr Naturnähe.

Eckpunkte des Konzeptes in der Praxis
Flächengröße > 20 ha, optimal sind mehrere 1000 ha (große Flächen können verschiedene Standorte bzw. Lebensräume umfassen, die durch die Beweidung weiter differenziert werden; große Flächen erlauben eine natürliche Sozialstruktur bei Herdentieren)
ganzjährige Beweidung in einer Dichte, die maximal der Kapazität des Lebensraumes im Flaschenhals des Spätwinters entspricht
Einsatz von autochthonen Wildtieren oder ökologischen Stellvertretern (für Auerochse und Wildpferd); möglichst mehrere Arten zusammen, darunter mindestens ein Grasfresser (Rind, Wisent oder Pferd)
Zulassen natürlicher Prozesse (keine Definition eines Zielzustandes, keine Koppelung, keine Mahd von Teilflächen, keine sonstigen Pflegeeingriffe)

Vorteile des Konzeptes in der Praxis
Ablaufen natürlicher Prozesse möglich
Entwicklung einer vielfältigen Mosaik-Landschaft, wahrscheinlich mit Ähnlichkeit zur Naturlandschaft
Erhalt oder Entstehen verschiedener Biotope (z.B. Trittfluren, Weiderasen, besonnte Tümpel, heckenartige Pioniergehölzbestände, Hochstaudenfluren, Wälder)
Erhalt oder Entstehen offener oder halboffener Lebensräume ohne aufwendige Pflegemaßnahmen
Erkenntnisgewinn für Wissenschaft und Naturschutzpraxis
hohe Attraktivität einer "neuen Wildnis mit großen Tieren" für die Öffentlichkeit

Einordnung des Konzeptes in die bisherige Naturschutzpraxis
zusätzliches Konzept, kein Ersatz für Artenschutzmaßnahmen, für Kulturlandschaftserhalt oder Nutzungsverzicht im Wald
keine Schaffung einer "Naturlandschaft", sondern Annäherung an einen naturnahen Zustand durch Zulassen der Herbivorie als einen wichtigen natürlichen Prozess (wenn auch unter kontrollierten Bedingungen)
Aufhebung der theoretischen und faktischen Grenzen zwischen Wald und Offenland
Förderung bestimmter (allerdings noch nicht abschließend aufzulistender) Tier- und Pflanzenarten
kein dauerhafter Erhalt eines Lebensraumes an einem Ort, sondern ständiges - auch kleinräumiges - Entstehen und Vergehen von Lebensräumen

Eckpunkte für die Durchführung von Projekten in Nordrhein-Westfalen
Zaun: 3 Möglichkeiten:
- "wildtierdichter" Zaun (Projekt mit mehreren Arten auf definierter Fläche, keine Verbindung zu Populationen außerhalb des Projektgebietes; Beispiel: Oostvaardersplassen NL)
- "halbdurchlässiger" Zaun (Einfriedigung von Rind, Pferd, eventuell auch Wisent bei gleichzeitiger Überwindbarkeit des Zaunes für wildlebende Huftiere; Beispiel: Klostermersch D)
- ohne Zaun (z.B. Wiederansiedlung des Wisents in einem großen (Wald-)Gebiet; Beispiele: Bialowieza PL, Kavkaski Zapovednik RUS)

Dichteregulation der Huftierbestände: 2 Möglichkeiten:
- Begrenzung der Dichte durch Entnahme von Tieren (Beispiele: Slikken van Flakkee NL, Klostermersch D, Moschusochsen im Dovrefjell N)
  Zulassen "natürlicher" Dichteregulation (durch die Kapazität des Lebensraumes oder Beutegreifer) (Beispiele: Kavkaski Zapovednik RUS, beabsichtigt in Oostvaardersplassen NL)


Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit: 3 Möglichkeiten:
- geführte Exkursionen (Beispiel: Oostvaardersplassen NL, Klostermersch D)
- eingeschränkte Zugänglichkeit, z.B. Freigabe markierter Wege (Beispiel: Veluwezoom NL)
- freie Zugänglichkeit (Beispiel: Millingerwaard NL)

Fragen bei der Durchführung von Projekten
- Veterinärmedizinische o.ä. Vorgaben (Rinder: Ohrmarken und regelmäßige Untersuchung auf bestimmte Krankheiten, demnächst IBR-Bekämpfung; Pferde: Equidenpass; alle Arten: Bedrohung der Bestände im Rahmen der Bekämpfung von Haustierkrankheiten wie MKS, Schweinepest etc.; Verbleib toter Tiere)
- Waldweide (Zugänglichkeit von Baumbeständen für Pferde und Rinder wird unabhängig von der Tierdichte als Waldumwandlung angesehen)
- Haftungsfragen bei Unfällen mit Besuchern
- Tierschutz
- Tiermanagement (Zufütterung, Wasserversorgung etc.)

Beispiele Klostermersch und Hellinghauser Mersch in der Lippeaue
Weideflächen heute: Klostermersch 79 ha, Hellinghauser Mersch 55 ha
Projektbeginn: Klostermersch 1991 mit 8 ha, Hellinghauser Mersch 1994 mit 20 ha
Flächencharakterisierung: Flussaue, ehemalige Nutzung überwiegend Acker, z.T. Intensiv-Mähweide und Pappelforst; Großherbivorenarten: Rind (Heckrind, Chianina, Sayaguesa, Lidia und Kreuzungsprodukte) und Reh, demnächst Pferd (Konik) und hoffentlich Biber
Rinderdichte: 1 Großvieheinheit auf 3 bis 4 ha
Rinderzahl (Oktober 2001): Klostermersch 24 Rinder (davon 6 diesjährige Kälber), Hellinghauser Mersch 25 Rinder (davon 8 diesjährige Kälber)
Zusatzfütterung: während und direkt nach Hochwasser erforderlich
Zaun: dreireihiger Stacheldraht, z.T. zusätzlich Elektrozaun
Exkursionen: ca. 50 pro Jahr

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