Umsetzung der Hellwegbördevereinbarung

Schutz der Feldvögel in der Agrarlandschaft - Umsetzung der Hellwegbördevereinbarung

Lebensraum Feldflur

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In der von Menschenhand geprägten Agrarlandschaft leben eine Reihe typischer Pflanzen- und Tierarten, deren ursprüngliche Lebensräume bei uns inzwischen weitgehend verschwunden oder auf kleine Restgebiete geschmolzen sind. Ursprüngliche Lebensräume für Arten wie Wiesenweihe, Wachtelkönig und Schafstelze waren ausgedehnte Niedermoore und Flußauen. Rebhuhn, Feldlerche und Feldhase sowie viele Ackerwildkräuter haben ihre Herkunft in steppenartigen Lebensräumen. Solche offenen Lebensräume sind nach neueren Erkenntnissen wahrscheinlich auch in der Urlandschaft Mitteleuropas vorgekommen. Die Bestände typischer Arten des Offenlandes wie Rebhuhn und Feldlerche dürften allerdings mit der Umwandlung von ursprünglichen Lebensräumen in eine vielfältige, aus Feldern und Weideland bestehende Kulturlandschaft zunächst deutlich zugenommen haben (z.B. Schulze-Hagen 2004). Heute gehören die Vögel der Feldfluren, die ehemals zum Teil weit verbreitet und oftmals ausgesprochen häufig waren, landes- und bundesweit zu den am stärksten in ihrem Bestand zurückgehenden Arten (Südbeck et al. 2007, Sudmann et al. 2008). Diese Entwicklung weist bedenkliche Parallelen zum früher einsetzenden Rückgang der Brutbestände der Wiesenbrüter des feuchten Grünlands auf, deren Vorkommen heute im wesentlichen auf wenige intensiv betreute Schutzgebiete beschränkt sind (Hötker et al. 2007). Nach der neuen Rote Liste 2008 für Nordrhein-Westfalen, einem Gradmesser für die Bestandssituation unserer Vogelwelt, sind Wiesenweihe, Wachtelkönig und Grauammer vom Aussterben bedroht, Wachtel und Rebhuhn stark gefährdet und Rohrweihe, Kiebitz, Feldlerche und Feldsperling gefährdet. Gegenüber der letzten Roten Liste von 1997 hat sich die Situation dieser Arten, außer für die Rohrweihe, nicht verbessert; für Grauammer, Feldlerche und Feldsperling – ehemals weit verbreitete und häufige Arten der Felder – hat sie sich sogar verschlechtert (GRO & WOG 1997, Sudmann et al. 2008).

Rückgangsursachen

Da die Lebensräume der meisten Feldvogelarten direkt oder indirekt von der landwirtschaftlichen Nutzung abhängen, wirken sich Änderungen der Nutzungsformen und -intensität unmittelbar auf deren Lebensbedingungen aus. Die Auswirkungen der Landnutzung auf die Bestände der Feldvögel lassen sich den folgenden Faktorenkomplexen zuordnen:

• Flächenverbrauch

• Vergrößerung der Schläge und Flurbereinigung 

• Einengung der Fruchtfolgen auf wenige Feldfrüchte

• Stickstoffanreicherung und Eutrophierung aus Landwirtschaft und Verbrennung fossiler Energieträger

• Einsatz effektiver Pflanzenschutzmittel

• Zuahme der Herbsteinsaat von Wintergetreide auf Kosten des Anbaus von Sommergetreide

• Einsatz leistungsfähiger Erntemaschinen

• Ersatz bäuerlicher Hofstellen durch moderne Anlagen.

Sie können bei den verschiedenen Arten über eine Reduktion der Fortpflanzungsrate (z.B. Mangel an Nistplätzen oder Nahrung der Jungvögel) oder eine Erhöhung der Sterberate (z.B. Mangel an Deckung und Winternahrung) wirksam werden (Übersichten z.B. Bauer et al 2005, Chamberlain et al 2000, Hötker 2004, Newton 2004, Wilson et al 2009).

Das Gebiet Hellwegbörde

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Die westfälische Hellwegbörde erstreckt sich als intensiv ackerbaulich genutzte Offenlandschaft entlang des Übergangs von der Westfälischen Tieflandbucht zum Mittelgebirge des Sauerlands. Das Gebiet wird in ost-westlicher Richtung vom Höhenzug des Haarstrangs durchzogen, dessen Untergrund aus karstigem Kalkgestein besteht. Die Hellwegbörde zeichnet sich durch Brutvorkommen der Wiesenweihe (20 bis 30 Paare), der Rohrweihe (40 bis 50 Paare) und des Wachtelkönigs (25 bis 75 Rufer) aus, die hier in der ackerbaulich genutzten Agrarlandschaft leben. Weitere Feldvögel wie Wachtel, Rebhuhn und Feldlerche erreichen hier noch eine vergleichsweise hohe Dichte (Glimm et al. 2001, Müller & Illner 2001, Hölker 2008). Daneben gehörten die Rastbestände von Kiebitz, Goldregenpfeifer, Mornellregenpfeifer, Rotmilan und Kornweihe zu den bedeutenden Vogelvorkommen des Gebietes. Aus diesem Grund wurde die Hellwegbörde mit einer Größe von ca. 48.000 ha als Europäisches Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Der Großteil dieser Fläche (ca. 41.000 ha) befindet sich im Kreis Soest. Neben den Vogelbeständen zeichnet sich das Gebiet durch bedeutende Vorkommen seltener Ackerwildkräuter auf flachgründigen Kalkscherbenäckern des Haarstranges aus (Hitzke 1997).

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Naturschutz in der Feldflur

Der Schutz der Feldvögel hat in der Hellwegbörde schon eine längere Tradition. Dabei wird ein kooperativer Ansatz im Rahmen des freiwilligen Vertragsnaturschutzes verfolgt. Schon in den 1960er Jahren begannen ehrenamtlich tätige Vogelkundler gemeinsam mit den Landwirten Bruten der Wiesenweihe durch Schutzzonen für Nester im Getreide zu schützen. Diese Tätigkeit wird heute von der Biologischen Station Soest durchgeführt. Mitte der 1980er Jahre startete ein Projekt zum Schutz der Ackerwildkräuter durch Anlage extensivierter Ackerrandstreifen, das ab 1987 vom damaligen Amt für Agrarordnung sehr erfolgreich umgesetzt wurde, aber ab 1994 auf Grund geänderter Förderbedingungen, u.a. geringere Entschädigung und fünfjährige Bindung, für Landwirte nicht mehr attraktiv war (Hitzke 1997, Hitzke & Margenburg 2001/2002). In den Jahren 2001 bis 2004 wurden im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und vom Land NRW geförderten Modellvorhabens „Extensivierte Ackerstreifen" verschiedene Vertragsangebote für Naturschutzmaßnahmen erprobt (Illner et al. 2004, Braband et al. 2006). Seit dem Jahr 2005 werden im Rahmen der Umsetzung der Hellwegbördevereinbarung, einer regionalen Vereinbarung zur Umsetzung der Schutzverpflichtungen für das Vogelschutzgebiet Hellwegbörde im Kreis Soest, verschiedene Vertragstypen angeboten, die aus Mitteln der im Kreis Soest ansässigen Zementindustrie finanziert werden (Joest 2009). Diese werden seit dem Jahr 2007 durch Vertragsangebote des Landes NRW für die Lebensgemeinschaft der Äcker im Rahmen des EU-kofinanzierten Vertragsnaturschutzes als Kulturlandschaftsprogramm des Kreises Soest (KULAP) ergänzt (Stahn 2009, Thiele 2009). Seit 2009 bietet die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft im Auftrag des Landes das Programm „1000 Fenster für die Lerche" an (Brüggemann 2009). Dazu kommen weitere Agrarumweltmaßnahmen des Landes, die zwar nicht in erster Linie auf den Natur- und Artenschutz zugeschnitten sind, aber auch für diesen eine positive Wirkung haben können. Hierzu gehören zum Beispiel die Förderung einer vielfältigen Fruchtfolge oder des ökologischen Anbaus (Naujoks 2009).

In der Hellwegbörde werden im Rahmen der Vertragsnaturschutzangebote der Hellwegbördevereinbarung und des Kulturlandschaftsprogramms derzeit folgende Maßnahmentypen angeboten:

• Anlage von Ackerstreifen oder –flächen mit geeignetem Saatgemenge

• Anlage von Ackerstreifen oder –flächen durch Selbstbegrünung

• Anbau von Sommergetreide mit doppeltem Saatreihenabstand

• Anbau von Winterweizen mit doppeltem Saatreihenabstand

• Überwinterung von Stoppelackern

• Überwinterung von nicht abgeernteten Getreidestreifen

• Lerchenfenster.

Diese Vertragsnaturschutzangebote wurden auf der Grundlage des Modellvorhabens „Extensivierte Ackerstreifen" gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer entwickelt. Allen Vertragstypen, mit Ausnahme der Lerchenfenster, ist der Verzicht auf Düngung und Pflanzenschutzmitteln gemeinsam. Laufzeit bei den lokalen Angeboten der Hellwegbördevereinbarung sind ein bis zwei Jahre, bei den EU-kofinanzierten Angeboten des Landes fünf Jahre. Die Maßnahmen können auf ganzen Schlägen oder streifenförmig erfolgen. Kriterien für die Auswahl der Flächen sind ihre Lage in geeigneten Feldfluren sowie ein ausreichender Abstand zu Gehölzen, Siedlungen und Straßen.

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Wirkung der Maßnahmen

Seit Beginn der Projekte hat die Zahl der teilnehmenden Landwirte, der Vertragsabschlüsse und die insgesamt unter Vertrag stehenden Fläche kontinuierlich zugenommen. Im Jahr 2009 wurden im Kreis Soest im Rahmen der Hellwegbördevereinbarung und des KULAP Verträge über 186 Flächen auf gut 250 ha (ohne Lerchenfenster) abgeschlossen. Begleitende Bestandserfassungen zeigen am Beispiel der Feldvögel, des Feldhasen und der Tagfalter positive Wirkungen der Maßnahmen auf die Dichte bzw. die Artenzahl dieser Gruppen auf den Vertragsnaturschutzflächen im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Ackerflächen. Auch Ackerwildkräuter profitieren von den Maßnahmen (Braband et al. 2006, Joest 2007, 2009). Die Vertragsangebote sind demnach geeignet, die Lebensbedingungen der Vögel in der Feldlandschaft der Hellwegbörde zu verbessern. Dabei können die einzelnen Maßnahmentypen zu verschiedenen Jahreszeiten für verschiedene Arten (-gruppen) jeweils unterschiedliche Funktionen, z.B. für die Nahrungssuche, als Brutplatz oder als Nahrungs- und Rückzugsraum im Winter, erfüllen. Daher ist eine Palette unterschiedlicher Maßnahmen besser dazu geeignet, den für die einzelnen Arten unterschiedlichen Rückgangsursachen entgegenzuwirken, als ein einzelner Maßnahmentyp. Diese Vielfalt der Vertragstypen, z.B. Nutzungsverzicht oder produktionsintegrierte Maßnahmen und unterschiedliche Vertragslaufzeiten, kommen auch den jeweils spezifischen Interessen einzelner Betriebe entgegen.

Aufhebung der Flächenstilllegung und Energiepflanzenanbau

Den durchaus positiven Wirkungen des Vertragsnaturschutzes auf der Ebene einzelner Maßnahmenflächen steht der nach wie vor sehr geringe Flächenanteil der Maßnahmen an der gesamten Agrarlandschaft gegenüber. Im Frühjahr 2010 waren im Kreis Soest etwa 400 ha Fläche nach Vertragsnaturschutzvorgaben bewirtschaftet. Dies entspricht weniger als einem Prozent der Fläche des Vogelschutzgebietes im Kreis Soest. Dazu kommen als besonders ungünstige Entwicklungen für den Naturschutz in der Agrarlandschaft die Aufhebung der verpflichtenden Flächenstilllegung im Jahr 2008 und die zunehmende Nutzung von Energiepflanzen, überwiegend Mais, für die Energiegewinnung in Biogasanlagen. So hat der Flächenanteil der als Lebensraum für Feldvögel sehr bedeutsamen Stilllegungsflächen nach Kartierungen einer 4.500 ha großen Probefläche der Hellwegbörde von 2003 bis 2009 um etwa 60 % abgenommen (Schweineberg 2010). Er betrug im Jahr 2009 nur noch 238 ha oder fünf Prozent der Untersuchungsfläche. Eine überschlägige Flächenbilanz der Stilllegungsflächen und der Vertragsnaturschutzflächen in der Hellwegbörde im Kreis Soest von 2007 auf 2009 kommt bei einer vorsichtig geschätzten Abnahme der Ackerbrachen um 50 % auf einen Verlust von etwa 1270 ha stillgelegter Ackerflächen. Dem steht eine Zunahme der Flächen des Vertragsnaturschutzes (ohne Lerchenfenster) um etwa 125 ha gegenüber. Der Vertragsnaturschutz reicht dem zur Folge bei weitem nicht aus, den Verlust der Stilllegungsflächen zu kompensieren. Diese Bilanz wird noch ungünstiger, wenn in Betracht gezogen wird, dass unter den neu hinzukommenden Vertragsflächen viele bis 2008 stillgelegte Flächen waren (Stahn 2009).

Eine weitere für den Schutz der Feldvögel sehr Besorgnis erregende Entwicklung ist die Zunahme der Anbaufläche für Energiepflanzen, z.Z. weit überwiegend Mais, für Biogasanlagen. Im Kreis Soest, in dem der Großteil des Vogelschutzgebietes liegt, gab es Anfang 2009 14 Biogasanlagen, Ende 2010 werden es bereits 40 sein. Damit geht eine Erhöhung der für die Biomasseproduktion benötigte Fläche von etwa 2200 ha auf 5630 ha einher (Stückemann 2010). Mais, insbesondere in großflächigen Monokulturen, ist für viele Feldvögel aus den oben genannten Gründen kein geeigneter Lebensraum. Dies gilt in der Hellwegbörde insbesondere auch für Bruten der besonders zu schützenden Arten Wiesenweihe und Wachtelkönig. Auch der bei der Produktion von Biomasse praktizierte Anbau mehrerer Feldfrüchte in einer Saison, z.B. erst Grünroggen und anschließend Mais, ist sehr problematisch, da frühe Bruten verloren gehen und der Bruterfolg für Ersatzgelege in der Regel geringer ist.

Der Vertragsnaturschutz ist ein für den Naturschutz in der Agrarlandschaft durchaus geeignetes Instrument, reicht aber derzeit bei weitem nicht aus, einen Trendwechsel bei den anhaltend negativen Entwicklungen der Bestände der meisten Feldvögel zu erzielen (Sudfeldt et al. 2009). Grund hierfür ist vor allem der nach wie vor zu geringe Flächenanteil und die geringen Steuerungsmöglichkeiten bei der Auswahl geeigneter Flächen. Als alleiniges Instrument für die Erhaltung der Artenvielfalt der Agrarlandschaft ist er mit sehr hohen Kosten für Ausgleichsvergütungen und einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden. Er erlaubt keine dauerhafte Sicherung der Flächen bei sich ändernden wirtschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen, z.B. der Preisentwicklung der Agrarprodukte oder der Förderung des Anbaus von Energiepflanzen. Die Ausgleichsvergütungen der Vertragsnaturschutzangebote müssen mit der Preisentwicklung schritt halten, um für Landwirte attraktiv zu bleiben, dabei tritt auch der Anbau von Energiepflanzen in Konkurrenz zum Vertragsnaturschutz.

Anforderungen an den Naturschutz in der Agrarlandschaft

Aus Sicht des Natur- und Artenschutzes ergeben sich daher folgende Erfordernisse für den nachhaltigen Schutz der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft.

• Eine Notwendigkeit ist die Reduzierung bzw. Aufhebung des Flächenverbrauchs. Dieser ging in den Jahren 1997 bis 2007 weit überwiegend auf Kosten der landwirtschaftlichen Nutzfläche (LANUV 2007). Eine deutliche Verlangsamung und räumliche Steuerung des Flächenverbrauchs ist auch im Interesse der Landwirtschaft. In Bezug auf das Vogelschutzgebiet Hellwegbörde ist in Zukunft den kumulativen Wirkungen zahlreicher Eingriffe vermehrt Aufmerksamkeit zu widmen. Hierfür ist ein Eingriffskataster dringend erforderlich.

• Die wichtigste Forderung ist die Schaffung ökologischer Vorrangflächen als Ersatz für die nicht mehr notwendigen wirtschaftlichen Flächenstilllegungen (Oppermann et al. 2008, Institut für Agrarökologie und Biodiversität 2009). Diese sollten einen Umfang von etwa zehn Prozent  erreichen und nach naturschutzfachlichen Vorgaben bewirtschaftet werden. Diese Maßnahme ließe sich in das System der Verpflichtungen für die Direktzahlungen an Landwirte integrieren. Dazu sollte eine stärkere Kopplung der Agrarförderung an ökologische Leistungen erfolgen. Der für notwendig erachtete Flächenanteil von zehn Prozent ergibt sich zum Beispiel aus den Untersuchungen von Flade et al. (2003) in Ostdeutschland, nach denen die Schaffung ein- und mehrjähriger Stilllegungen im Umfang von etwa zehn Prozent der Fläche die wichtigste Maßnahme für den Naturschutz in der Agrarlandschaft darstellt. In der Schweiz sind die Direktzahlungen an Landwirte an einen ökologischen Leistungsnachweis gebunden, nach dem sieben Prozent der Fläche eines Betriebes als ökologische Ausgleichsfläche bewirtschaftet werden müssen. Trotz dieser vergleichsweise umfangreichen Maßnahmen kam es bisher nur zu geringen positiven Effekten auf die Bestände der meisten Brutvögel, insbesondere der gefährdeten Arten. Die Autoren der Studie erklären dies mit der unzureichenden Qualität und der geringen Vernetzung der Ausgleichsflächen. Eine deutlichere Wirkung auf gefährdeter Feldvogel, darunter die Grauammer, konnte allerdings in vergleichsweise kleinen, intensiv betreuten Projektgebieten durch die Anlage ökologisch hochwertiger (und kostspieliger) Buntbrachen bereits mit Flachenanteilen von etwa 5 bis 10 % erzielt werden (Spiess 2003, Birrer et al. 2007).

• Beim Anbau von Energiepflanzen sind die Belange des Natur- und Artenschutzes, aber auch der Funktionsfähigkeit des Agrarökosystems (Bodenschutz, Wasserhaushalt, Schädlinge) stärker zu berücksichtigen. Hierzu ist neben der Schaffung von ökologischen Vorrangflächen die Einhaltung einer weiten Fruchtfolge vorrangig (Dziewiaty & Bernardy 2007).

• Auch eine deutliche Ausweitung des ökologischen Anbaus kann einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft leisten, da hier viele der negativen Wirkungen der konventionellen, intensiven Landwirtschaft nicht gegeben sind. Vor allem der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und Mineraldünger, die größere Vielfalt der Feldfrüchte und der Anbau von Klee und anderen Leguminosen als Futterpflanzen und Gründünger haben positive Wirkungen auf Feldvögel und andere Arten (z.B. Bengtsson et al. 2005, Hötker et al. 2003).

• Dazu muss eine breite, möglichst großflächige Umsetzung von Agrarumweltmaßnahmen und einfachen Naturschutzangeboten wie Blühstreifen, Förderung vielfältiger Fruchtfolgen, Uferrandstreifen und Lerchenfenster kommen. Zur Umsetzung der FFH- und Vogelschutzrichtlinie sind darüber hinaus spezielle Artenschutzmaßnahmen und Vertragsnaturschutzangebote für Zielarten erforderlich. Dabei kommt eine Vielfalt unterschiedlicher Maßnahmentypen sowohl den jeweils unterschiedlichen Ansprüchen der zu fördernden Arten als auch den jeweiligen spezifischen Interessen einzelner Betriebe entgegen. Dies erfordert ausreichende finanzielle Mittel und eine ständige Beratung und Betreuung der Landwirte. Hiefür ist eine auch personell ausreichend ausgestattete Infrastruktur nötig. In NRW wird diese Tätigkeit zum Teil von den Biologischen Stationen geleistet.

Ansprechpartner:

Dr. Ralf Joest

r.joest@abu-naturschutz.de

Stand März 2011

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